Die relative Luftfeuchtigkeit (abgekürzt RLF oder RH von englisch Relative Humidity) beschreibt, wie viel Wasserdampf die Luft im Verhältnis zu ihrer maximalen Aufnahmefähigkeit enthält. 100% RLF bedeutet gesättigte Luft, es bildet sich Kondenswasser. 0% RLF ist theoretisch absolut trockene Luft. Im Cannabis-Grow ist die richtige Luftfeuchtigkeit genauso wichtig wie Temperatur und Licht, wird aber von Einsteigern oft unterschätzt.
// WARUM LUFTFEUCHTIGKEIT SO WICHTIG IST
Die Luftfeuchtigkeit beeinflusst direkt, wie die Pflanze transpiriert. Bei hoher Luftfeuchtigkeit nimmt die Luft kaum mehr Feuchtigkeit auf, der Transpirationssog der Pflanze versiegt, Nährstoffe werden schlechter transportiert und Schimmel bekommt ideale Bedingungen. Bei zu niedriger Luftfeuchtigkeit verdunstet die Pflanze zu schnell, schließt ihre Stomata als Schutzreaktion und die Photosynthese bricht ein. Der VPD-Wert verbindet Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu einem aussagekräftigen Messwert für den optimalen Pflanzenzustand.
RLF und Temperatur hängen zusammen: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Dieselbe absolute Wassermenge in der Luft ergibt bei 20°C eine höhere relative Luftfeuchtigkeit als bei 28°C. Deshalb steigt die RLF nachts oft an, wenn die Temperatur fällt.
// OPTIMALE WERTE JE NACH WACHSTUMSPHASE
- Stecklinge und Sämlinge: 70–80% RLF. Die Wurzeln sind noch schwach, die Pflanze nimmt Feuchtigkeit hauptsächlich über die Blätter auf. Hohe Feuchte schützt vor Austrocknung.
- Vegetationsphase: 55–70% RLF. Die Pflanze wächst kräftig und kann mehr Transpiration vertragen. Gute Balance zwischen Wachstum und Schimmelprävention.
- Frühe Blütephase (Woche 1–4): 45–55% RLF. Blüten beginnen sich zu bilden, Schimmelrisiko steigt langsam.
- Späte Blütephase (Woche 5 bis Ernte): 40–50% RLF. Dichte Buds sind extrem anfällig für Botrytis. Niedrige Feuchte ist jetzt Pflicht.
// LUFTFEUCHTIGKEIT ERHÖHEN
- Luftbefeuchter: Ultraschall-Befeuchter oder Verdampfer. Den Befeuchter außerhalb des Zelts in den Zuluftbereich stellen, damit die feuchte Luft gleichmäßig einströmt.
- Offene Wasserschalen: Einfache, aber begrenzt wirksame Methode. Vergrößert die Verdunstungsfläche im Growraum.
- Weniger Abluft: Reduzierung der Abluftstärke hält feuchte Luft länger im Zelt. Achtung: Weniger Frischluft bedeutet auch weniger CO₂-Nachschub.
// LUFTFEUCHTIGKEIT SENKEN
- Luftentfeuchter: Die effektivste Methode. Besonders in der Spätblüte unverzichtbar, wenn der Raum selbst feucht ist.
- Mehr Abluft: Stärkere Abluft transportiert feuchte Luft schneller aus dem Zelt. Gleichzeitig strömt trockenere Außenluft nach.
- Lollipopping und Defoliation: Weniger Blattmasse bedeutet weniger Transpiration und damit weniger Feuchteabgabe der Pflanzen.
- Klimaanlage: Senkt gleichzeitig Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
// MESSEN UND ÜBERWACHEN
Die relative Luftfeuchtigkeit wird mit einem Hygrometer gemessen. Digitale Kombi-Geräte mit Temperatur- und Feuchtemessung sind Standard und für wenige Euro erhältlich. Für präziseres Klimamanagement eignen sich Geräte mit Datalogging-Funktion, die Schwankungen über 24 Stunden aufzeichnen. Besonders die nächtlichen Spitzen (kühlere Nächte, kein Licht, Pflanzen transpirieren weniger) sind relevant für die Schimmelprophylaxe.
// RLF UND SCHIMMEL
Schimmelpilze wie Botrytis oder Mehltau benötigen hohe Luftfeuchtigkeit zur Sporenkeimung und Ausbreitung. Wer die RLF in der Blüte zuverlässig unter 50% hält, macht es Schimmelpilzen strukturell schwer. Das ist effektiver als jede nachträgliche Behandlung. Gute Luftzirkulation durch Umluft-Ventilatoren verhindert zudem feuchte Stagnationszonen im Blattwerk.